Selbstständigkeit: Die Freiheit, eigensinnig zu sein

Die ZEIT nimmt sich der Selbstständigen* an und sucht nach Vorschlägen, wie man deren Situation verbessern könne. Das ist im Grunde löblich, auch wenn sie es schaffen, Selbstständigkeit quasi in einem Atemzug zu glorifizieren (“ein Traum”) und zu verdammen (“kein Geld für Rücklagen”, “im Alter der Gang zum Amt”).** 

Vielleicht treffen die ZEIT-Redakteure damit den Zustand der Selbstständigkeit recht gut. Meine Entscheidung, mich selbstständig zu machen, fiel eher zufällig, wenn sie auch im Rückblick zwangsläufig war. Viele Vorzüge der Selbstständigkeit kommen meinem Wesen entgegen: ich bin recht unterschrocken, vermag aus Erfahrungen zu lernen, bin gerne der Bestimmer, arbeite nur projektweise gern in Teams, ansonsten gern allein, und entwickle mein selbsterfundenes Berufsbild laufend weiter. Und ich bin das Kind eines Selbstständigen, was durchaus hilft, etwa den Wert von Vernetzung und Ehrenämtern richtig einzuschätzen. 

Freiberuflich zu arbeiten birgt für mich auch nicht zu unterschätzende Nachteile:

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Wenn früh am Morgen die Werkssirene dröhnt …

Pausenlos arbeiten und am Abend oder am Wochenende am besten auch? Ich las gerade den Beitrag von Silke Buttgereit über ihre Teilnahme an einer Diskussionsgruppe zum Thema Alternative Arbeitszeitmodelle auf der Jahrestagung der BücherFrauen. Statt über “Dinge wie Arbeitszeitkonto, Sabbatical, mobiles Arbeiten, Home und Worldwide Office und Work & Life Balance” wurde darüber gesprochen, wie  man mit den 50 wöchentlichen Arbeitsstunden umgeht. 

Nicht nur in der Buchbranche ist das mit dem Arbeiten völlig irrsinnig. Ich habe den Eindruck, nur der immer arbeitende Mensch gilt als guter Mensch. Erschöpfung als Trophäe? Und wer nicht arbeitet, was ihm Freude macht, ist selbst schuld? Dabei ist es sehr wichtig, auch mal andere Dinge zu machen als immer nur zu arbeiten - schon allein um einen gelassenen Blick auf das eigene Arbeiten zu behalten. 

Natürlich ist immer etwas zu tun. Und offenbar müssen immer weniger Menschen immer mehr Arbeit immer schneller erledigen. Und am besten sollen die Arbeitsschritte und -ergebnisse auch noch hübsch dokumentiert werden.
Ich arbeite sehr gern. Ich bin froh, seit nunmehr fast drei Jahren “Bestimmer” über mein Tun zu sein und ich kann mir mein Leben ohne meine Arbeit nicht vorstellen. Ich schätze es sehr, dass ich tun kann, was ich gern und gut tue. Mitunter ist es gar nicht einfach oder schlicht nicht möglich, zwischen Arbeit und Privat zu unterscheiden. Das mag ich. Es gibt natürlich auch Dinge im Leben einer Selbstständigen, auf die könnte ich bestens verzichten. [Stellen Sie sich hier eine wütend-entnervte Frustgeste gen Bürokratie vor. Danke.]

Bunt ist das Leben und granatenstark! Es gibt Wunderbares und Belebendes im “Da draußen”, Musik, Bücher, Filme, Konzerte, Wanderwege, im Galopp in die Abendsonne - und nicht zuletzt Menschen, mit denen ich all dies gern erlebe und mit denen ich meine Zeit gern verbringe. Darauf habe ich aber kaum Lust, wenn ich matschig vom vielen Arbeiten nach Hause komme. Es gilt auch, Zeit mit sich allein zu haben, Zeit zum Denken, Kritzeln, Gemüse schnippeln, Pferdeschnauzen befühlen - und auch einfach mal Langeweile zu haben. Langeweile, aus der neue und andere Ideen entstehen. 

Ich könnte das alles eigentlich habe. Ich bin mir selbst allerdings die schlimmste Chefin. Pausen, Urlaub, feste Arbeitszeiten, sprich: Feierabend? Pah! Nichts da! Zu sehr habe ich im Kopf immer noch die Zeiten aus den Angestellten-Zeiten. Das waren allerdings Zeiten, in denen ich 30 Tage Urlaub im Jahr und die Möglichkeiten zum Überstundenabbau hatte … 

Das muss sich ändern. Das wird sich ändern. Ich werde es ändern. Denn es wird niemand anderes für mich tun. 

[Update 17:29] Eine Pause ist übrigens schon geplant. Ferientage in der Eifel. Hach! Und jetzt fahre ich zum Reiten. Meine kleine Lieblingspause zweimal in der Woche :-).